Wie die Landschaft in unserem Inneren unsere Gesundheit,
unsere Gefühle und unser Aussehen bestimmt

Teil 1: Die Nebennieren

Neulich saß eine Patientin bei mir. 44 Jahre alt, eine patente Mutter von 3 Kindern zwischen 8 und 14 Jahren die sich selbstständig gemacht hatte und zuhause in ihrer Küche Naturkosmetik herstellte, um sie im Internet zu verkaufen. „Ich kann nicht mehr. Ich habe null Energie. Nachts liege ich hellwach da, morgens komme ich kaum hoch, muss aber raus, der Kinder wegen. Ich brauche vier große Tassen starken Kaffee bevor mich jemand ansprechen darf, dann quäle ich mich durch den Vormittag. Am frühen Nachmittag kann ich die Augen kaum noch offen halten und zum Abend hin, obwohl ich zu Tode erschöpft bin, dreht etwas in mir auf, ich bin wie mit Strom aufgeladen. Wenn ich es schaffe endlich einzuschlafen, bin ich meistens um eins wieder wach und wälze mich hin und her, wissend, dass ich den nächsten Tag überstehen muss. Was ist bloß mit mir los?“

Solche Geschichten höre ich häufig. In den meisten Fällen sind es Männer und Frauen, die zuvor jahrelang sehr viel Stress hatten und immer fünf Dinge gleichzeitig machten. Jetzt sind sie froh, eine Sache zu bewältigen, auch wenn es drei Mal so lange dauert wie zuvor.

Was passiert hier? Über die Modediagnose Burn-out stolpern wir fast täglich. Diese wollen wir uns genauer anschauen:
Oben aufgesteckt auf unseren Nieren sitzt jeweils ein süßes kleines Organ in der Form einer kleinen Pyramide. Sie sind wie Pralinen – mit einer Umhüllung aus einer Sorte Zellen und einem Kern einer anderen Zellsorte – der Nebennierenrinde und dem Nebennierenmark: http://www.spektrum.de/lexikon/biologie-kompakt/nebenniere/8054

Anatomy of the adrenal gland

Hier werden Hormone produziert – und was für welche! Ohne sie würden wir jedes Mal umfallen, wenn wir versuchen, aus dem Lehnstuhl aufzustehen. Beim Anblick eines Säbelzahntigers würden wir in Schockstarre verfallen und uns auffressen lassen.

Die Nebennierenrinde produziert Hormone in Schichten von außen nach innen – als Medizinstudenten merkten wir uns den Spruch: salt, sugar, sex – Salz, Zucker, Sex.

Ganz außen wird Aldosteron gebildet. Dieses Hormon ist verantwortlich für unseren Wasser- und Salzhaushalt und wirkt sich nebenbei damit auf unseren Blutdruck aus. Eine große Gruppe der wassertreibenden Medikamente sind die Aldosteronantagonisten. Sie werden häufig bei Herzinsuffizienz eingesetzt, um das schwächelnde Herz zu entlasten, indem die Flüssigkeitsmenge, die das Herz in Bewegung halten muss, reduziert wird.

In der mittleren Schicht der Rinde entsteht das uns hier brennend interessierende Cortisol – ein Glucocorticoid – daher ZUCKER in unserem Merkspruch. Cortisol ist ein Stresshormon. Es versetzt uns bei entsprechenden Umgebungsvariablen in einen Zustand der Alarmbereitschaft. Es sorgt dafür, dass aus Proteinen Zucker gebildet wird, der am schnellsten verfügbare Treibstoff für Muskeln und Gehirn, die beiden wichtigsten Organsysteme im Notfall. Es reduziert Entzündungen (das letzte, womit wir uns beschäftigen wollen, wenn der Atem des Säbelzahntigers unsere Nackenhaare streift) und unterdrückt das Immunsystem: Schnupfen? JETZT NICHT!!!!

In der inneren Schicht der Rinde werden die Androgene gebildet – Sexualhormone wie Östrogene (kleine Mengen, der größere Anteil wird in den Eierstöcken synthetisiert, in der Menopause ist hier und in den Fettzellen der einzige Entstehungsort von Restöstrogenen – daher haben übergewichtige Frauen nicht so starke Wechseljahressymptome), Progesteron und Dihydroepiandrosteron. DHEA ist die Vorstufe aller Sexualhormone, egal ob männlicher oder weiblicher. Es ist ein Anabolikum und vom Internationalen Olympischen Komitee verboten.

Danach kommt noch der weiche Kern der Praline: das Nebennierenmark – hier entstehen die beiden Königshormone, Adrenalin und Noradrenalin, ohne die wir vermutlich keinen Tag überleben würden. Es sind unsere klassischen Stresshormone, neben Cortisol. Sie erhöhen im Notfall (Schreck) die Herzfrequenz und den Blutdruck durch Engstellung der Gefäße (das sorgt dafür, dass unsere
Muskeln und das Gehirn gut durchblutet werden – Sauerstoff ist wichtig, wenn man ganz schnell denken muss, um zu entscheiden, ob jetzt gekämpft oder gerannt wird), sorgen für sofortige Lipolyse (Fettabbau) und Gluconeogenese (Bereitstellung von Zucker) für Treibstoff für Flucht oder Kampf und hemmen die zentralen Bauchorgane wie Magen-Darm-Trakt (wer würde jetzt an Verdauung des Cremetörtchens denken wollen?)

Nun hat die Natur uns Menschen dafür gebaut, dass wir barfuß durch die Wälder rennen, und nicht um im dreiteiligen Anzug der nächsten Aufsichtsratssitzung hinterher zu hechten oder einen kreischenden Zweijährigen angezogen zu bekommen, wenn man schon 15 Minuten zu spät ist und der Chef klar gesagt hat, dass er das nicht mehr länger mitmacht. Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin werden ausgeschüttet egal ob der Ketchup aufs Hemd schwappt oder das Mammut einem gerade den Stoßzahn zwischen die Rippen rammt.

Nun waren die Abstände zwischen den Episoden mit den Stoßzahnverletzungen eher länger in unseren Urzeiten. Dazwischen, sofern wir überlebt hatten, gab es meistens genug Zeit, sich davon zu erholen. Die Frust-, Angst- und Stresssituationen heute kommen aber Schlag auf Schlag und unsere armen Nebennieren, die eigentlich nur im Falle des Falles anspringen sollten, sind im Dauereinsatz. Tagaus, tagein. Das geht nur eine bestimmte Zeit lang gut. In dieser Phase ist der Cortisolverlauf während des Tages ständig erhöht. Man steht „unter Strom“.

Hier ein normaler Verlauf:

normaler Verlauf

Und hier eine Patientin, die in der Phase von zuviel Cortisol ist, wobei sie zwischendurch einen Durchhänger hat – ihre Nebenniere beginnt zu „stottern“, kann die geforderte Superleistung nicht mehr nonstop erbringen:

Verlauf mit Überproduktion und Durchhänger

Zu hohe Cortisolspielgel wie hier führen zu einem prädiabetischen Zustand, mit ständig erhöhten Blutzuckerwerten – der hohe Zuckergehalt im Blut verursacht Schäden an den Innenwänden der Gefäße – der erste Schritt zur Arteriosklerose. Die Wundheilung verlangsamt sich und die Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer oder Multipler Sklerose zu erkranken, wird größer. Das Gewicht steigt an, auch wenn gar nicht viel gegessen wird. Nicht nur deshalb, sondern insgesamt geht die Stimmung den Keller. Depression kann die Folge sein. Es wird schwer, guten Schlaf zu finden, der regenerieren kann und die Knochen entmineralisieren, was zur Osteoporose führt.

Als nächstes ein Patient, dessen Nebennieren sagen: „Jetzt reichts! Wir wollen und können nicht mehr!“

Verlauf bei erschöpften Nebennieren

Dieses Bild mit der flachen Kurve ist das Resultat von langem Stress ohne Pause und Unterlass. Wenn wir uns nicht die Zeit gönnen, uns zu regenerieren, unsere Batterien aufzuladen, versagen unsere Nebennieren irgendwann den Dienst, egal wie sehr wir sie peitschen. Ab dann wird es schwierig, überhaupt etwas zu leisten und wir leiden an chronischer Erschöpfung.

Bei dieser Konstellation ist meistens die Produktion des Hormons Aldosteron in Mitleidenschaft gezogen. Häufiges Wasserlassen, Verlust an Elektrolyten mit resultierenden Gelüsten auf Salziges (Chips!) sind häufig das Ergebnis. In dieser Phase schreitet die Osteoporose fort. CFS, oder chronic fatigue syndrome – chronisches Erschöpfungssyndrom und nicht zuletzt der klassische Burnout treten nun gehäuft auf.

Natürliche Maßnahmen bei Cortisolüberschuß sind neben neu eingerichteten Ruhepausen und Meditation, Yoga und Massagen folgende Nahrungsergänzungsmittel, die aber alleine, ohne diese vorhergehenden Maßnahmen nicht wirksam sind:

  • Vit B5
  • Vit C
  • Omega 3 Fettsäuren
  • Ginseng
  • Ashwaghanda
  • Phosphatidylserin
  • Rhodiola

Als nicht minder wichtige Komponente zu nennen: sich mit dem eigenen Ballast auseinandersetzen. Vergebung üben gegenüber denen, die Unrecht getan haben und vor allem sich selber gegenüber kann effektiver sein als alle obigen Maßnahmen zusammen. Und zuletzt noch Sex: häufige Orgasmen senken unmittelbar und messbar den Cortisolspiegel…

Ist man schon jenseits der Phase des Zuviel und ist in den Cortisolmangel gerutscht, können folgende Dinge hilfreich sein:

  • Afrikanischer Tanz (oder ähnlich energetisierende Tanzarten)
  • Vitamin B1 und B6
  • Lakritze (natürliche, nicht die von der Firma mit den bunten Bären) – aber nur in kleinen Mengen und nur, wenn kein Bluthochdruck vorliegt!
  • Grapefruitsaft! (siehe Eur J Endocrinol. 2011 Nov;165(5):761-9. doi: 10.1530/EJE-11-0518. Epub 2011 Sep 6. Grapefruit juice and licorice increase cortisol availability in patients with Addison‘s disease. Methlie P1, Husebye EE, Hustad S, Lien EA, Løvås K. – Bitte nicht nachfragen, wie das funktioniert, das wissen die Autoren selber nicht, aber die Ergebnisse wurden zwischenzeitlich mehrfach überprüft und bestätigt.)

Die Nebenniere ist ein wichtiger Teil des Hormonreigens, der bestimmt, wie wir uns fühlen und ob unsere Vorstellung vom Wochenende eher „PARTY!!!“ ist, oder „Lasst mich bloß alle in Ruhe!“ Zur Trias gehört auch noch die Schilddrüse und die Ovarien/Hoden. Nur in der Interaktion aller Hormone dieser drei Entstehungsorte können die komplexen Wechselwirkungen unserer Stoffwechselprozesse erklärt und verstanden werden.

Die Schilddrüse mit Tunnelblick anzusehen, festzustellen, dass die Hormonlevel nicht stimmen und diese mit Medikamenten zu therapieren wäre genauso verkehrt wie nur die Cortisolspiegel zu messen und dann die obengenannten Maßnahmen zu ergreifen. Die ganzheitliche Medizin schaut sich alle drei Hormondrüsen an, um zu erkennen, ob die Ursache für erhöhte oder erniedrigte Werte vielleicht bei einem der beiden anderen „Tanzpartner“ zu finden ist und die Schilddrüsenunterfunktion nur ein Symptom in einem größeren Problemkreis ist. Wenn man den Hebel an der richtigen Stelle ansetzt, lösen sich manchmal Symptome an ganz anderen Stellen im Körper von selbst.

Im nächsten Kapitel sehen wir uns die Schilddrüse genauer an und wie sie mit der Nebenniere zusammenwirkt. Das Bild wird dann mit den Sexualhormonen vervollständigt. Mit diesem Wissen gewappnet, ist man imstande, den eigenen Therapeuten um die richtigen Untersuchungen zu bitten, um den wahren Ursachen der eigenen Probleme auf die Spur zu kommen.

 

Barbara Miller

Barbara Miller, Ärztin, Ausbilderin, Seminar- und Workshopleiterin, Expertin der Lebensenergie-Konferenz: zum Expertenprofil 2015 (Thema Hormone), Expertenprofil 2016 (Thema Fette)

Praxis für ganzheitliche Medizin am Koenigssee
Barbara Miller
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Mit freundlicher Genehmigung des Rohkostmagazins „WA-Aktuell“ (zur Homepage des Magazins)

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Artikel aus Heft Nr. 91 als PDF-Datei